Ich war ja schon einige Male in Coburg feiern, und auch schon einmal aufm SambaFestival, aber was uns dieses Jahr passiert ist, das schießt echt den Vogel ab. Passt mal auf:
SambaFestival in Coburg. Das klingt immer nach einer ganzen Menge Spaß. Und viel Musik. Und Bier. Und natürlich, nicht zu verachten, Frauen. Das hat mich natürlich fasziniert und ich hab meinen Kumpel geschnappt und bin Richtung Süden gestartet. Natürlich nicht, ohne vorher von seiner Mutter zu hören, dass ich bitte gut auf ihren Sohn aufpassen soll. Er ist ja nur 5 Jahre älter als ich. Sollte er auch alleine schaffen. Dachte ich.
Wir kamen gegen 7 in der WG meines alten Studienkollegen an und berieten, wie wir den Abend denn nun starten sollten. Als ich aus dem Fenster schaute, bemerkte ich die nette junge blonde Nachbarin am Fenster auf der anderen Straßenseite. “Süß…”, sagte ich und im nächsten Moment stehen mein Kumpel, zwei Studienkollegen, ein weiterer Sonneberger und ich im Wohnzimmer und begutachten die Nachbarin. Sah mit Sicherheit ziemlich verrückt aus, aber uns hat ja keiner gesehen. Glaube ich.
Wir zogen in die Innenstadt und verteilten uns. Das Bier floss, der Spaß stieg und wir lernten Leute kennen. Unter anderem 2 nette Mädels und ihre Familien, ein Mädel davon auffallend blond und auch so sehr gut aussehend. Wir unterhielten uns gut, immerhin fuhren sie Motorrad. Perfekt, das war ja genau unsere Kragenweite. Und so.
Irgendwann gegen Mitternacht, ich verpflegte gerade den Biertisch mit Kartoffelecken, hörten wir ein Glas splittern. Ich wurde nass am Rücken. Ich drehte mich rum und sah meinen Kumpel mit erhobenen Händen in der Gegend rumstehen. Ok, dachte ich, hat er das Glas fallen lassen. Als er mit blutender Hand neben mir stand, dachte ich auch noch, dass er sich beim Fallenlassen in die Hand geschnitten hat. Idiot.
Aber falsch gedacht. Nein, er hat eine mit nem Bierkrug übergezogen bekommen. Und noch eine Faust mitten ins Gesicht. Warum ist bis heute noch nicht ganz klar, Ermittlungen laufen.
Sein Ohr sah aber verdammt mitgenommen aus und er hat geblutet wie ein angestochenes Schwein. Ok, leicht übertrieben, aber es war echt unschön. Er ließ sich also von Sanitätern verarzten, bekam einen netten MullTurban und wurde von den durchaus netten Polizeimeisterinnen Annika und Sophie zum Vorfall interviewt. Während ich durch die halbe Innenstadt gerannt bin, um seine KrankenKassenKarte aus der Wohnung zu holen, beriet er mit den Sanitätern, dass wir nicht zum Klinikum laufen, geschweige denn ein Taxi bezahlen, um ihm sein Ohr wieder an die richtige Stelle nähen zu lassen. Sie ließen sich erweichen und besorgten einen Krankenwagen. Wir zwängten uns durch die Menschenmengen zum RTW, mein Kumpel verschwand mit einem Sani hinteren und ich mit dem anderen im vorderen Teil des Wagens. Gut, werden wir also doch gefahren.
Plötzlich schaut mich der Fahrer an und meint: “Sagen Sie mal, kommen Sie von hier? Und wissen Sie, wo’s zum Klinikum geht?” – “Ähm, nein? Wir sind von ganz woanders… Wo kommen Sie denn her?” – “Wir kommen gerade aus Lichtenfels. Naja, wir werden die Klinik schon finden…” — Na prima, das kann ja heiter werden.
Wir schafften es doch bis in die Klinik und die Nachtschwester war einigermaßen begeistert, dass wir beide redegewandt, aufrecht laufend und bester Laune waren. Im Gegensatz zu einigen anderen Patienten, die bewusstlos auf den Liegen im Gang lagen. “Ich muss hier mal genäht werden…” Ok, also in den Behandlungsraum, mein Kumpel auf die Pritsche und ich auf den Stuhl im Vorraum. Die Ärztin kam hinein und wirkte, als wäre sie soeben aus dem Bereitschaftsraum aufgestanden und noch nicht ganz wach. Sie war trotzdem souverän: “Also, wenn ich das jetzt betäube, dann schwillt das alles an und man weiß nicht mehr, was wo hin gehört. Stört es Sie, wenn wir das ohne Betäubung wieder annähen?” – “Kein Problem, die Hauptsache ist, dass es wieder genauso schön wird, wie es vorher auch wahr”, erwiderte mein Kumpel.
Nachdem er seine 10 Euro für die Notfallbehandlung abgedrückt hat (“Wenn in den nächsten 3 Monaten noch ein Notfall auftritt, brauchen Sie das aber nicht nochmal zahlen!” – Ui, toll.), verschwanden wir gegen 2 aus der Klinik und wanderten wieder Richtung Innenstadt. Auf den Schreck erstmal nen Absacker “bei Adam”, der tollen RockerPunkerKneipe, mit der ich schon öfters Bekanntschaft gemacht hab. Wir haben unser Glas noch nicht ganz zum Mund geführt, da klingelt das Telefon. Polizei. Wir sollen doch bitte nochmal auf die Polizeistation kommen. 4km entfernt. Holen können sie uns nicht. Top. Wir bezahlen und wandern wieder los. Quer durch Coburg, wir wissen ja nicht genau wohin. Die beiden Polizisten auf dem Weg (Polizeimeisterin Sophie wieder dabei, sie erkennt uns wieder) kommen aber immernoch aus Nürnberg und die Straße mit der Polizeistation ist nicht auf ihrem ausgedruckten Stadtplan. Nach Rücksprache mit der Wache müssen wir aber immernoch laufen, auch wenn Sophie ziemlich leid tut.
In Coburg nach dem Weg fragen, Freitag Nacht um 2, wo die Hälfte der Menschen nicht aus Coburg kommt und alle betrunken sind. Da können aus 4 km auch mal schnell 5-7 werden. Aber wir kommen trotzdem irgendwann bei der Polizei an. Man erkennt uns. “Sie sind der mit dem Ohr!”. Richtig. Aber die Polizisten, die zuständig sind, sind schon weg, aber Fotos können noch gemacht werden. Perfekt, hätte er auch über Facebook bekommen können. Und überhaupt wär das Foto viel spektakulärer gewesen, hätte man es vor der OP gemacht. Gut, was solls. Nach Hause fahren darf man uns auch nicht, wir laufen wieder los und kommen gegen halb 5 wieder an der Wohnung an. Die Innenstadt ist leer, unsere Leute pennen und auch so nicht mehr viel zu wollen. Wir trinken einen Absacker in der Bar unter der Wohnung, verbreiten voller Stolz unsere Geschichte über den Abend und kommen noch ein wenig rum. Aber irgendwann ist auch für uns Schluss. Wir gehen schlafen.
Am nächsten Tag beginnt alles so, wie der Abend schon begonnen hat. Wir stehen am Fenster und schauen auf die nette Blondine von gegenüber, bis es mir einfällt: “Das ist doch die Kira von gestern Abend!”, das Mädchen, mit der wir den Abend bis zum Zwischenfall verbracht waren. Motorradfahrerin mit Familie und so. Wir reißen die Fenster auf und schreien ihr und der Familie einen Guten Morgen herüber. Sie lacht und erwidert den Gruß. Ich glaube aber, sie dachte eher “Oh Gott, die gleichen Idioten wie gestern Abend.”. Aber lustig war es trotzdem.
Ich packe meinen Kumpel ein und wir verschwinden wieder Richtung Norden in die Heimat. Auch wenn wir geschworen haben, wieder zu kommen. War ja doch ganz gut. In Coburg.
Daheim angekommen musste ich natürlich beichten, dass ich meinen Kumpel leicht lädiert wieder mitgebracht habe.
Allerdings konnten wir berichten, dass er sich nicht geprügelt hat. Nachdem er den Bierkrug und die Faust abbekommen hat, ist er nur aufgestanden und hat im Weggehen das einzig Wahre ausgesprochen:
“Du bist nicht mehr mein Freund…”