Abdrücke

posted by Smikey

Dies ist der Beitrag, mit dem ich am Samstag die Bloglesung eröffnet habe. Bisher habe ich es nicht übers Herz gebracht, ohne zu veröffentlichen, aber durch die positive Resonanz auf den gelesenen Text habe ich mich doch dafür entschieden. Und hier ist er.

Ich laufe einfach los. Ich hab die Tür hinter mir zufallen lassen und der Knall hat meine Gedanken freigesprengt. Die Enge des Hauses hat mich eingesperrt. In seinem Zimmer zu sitzen und sich nicht daheim zu fühlen ist grausam. Hier draußen fühle ich mich frei und die Gedanken schwingen von Laterne zu Laterne, während ich die Straße entlang gehe. Es schneit. Es schneit so sehr, dass innerhalb von Minuten alles von einer weißen, glitzernden Schicht bedeckt ist. Alles, außer Fußabdrücke. Meine Fußabdrücke. Es ist viele Jahre her, dass ich sie hier hinterlassen habe. Mit einem Stechen in der Brust wandere ich sie jeden Tag entlang. Sie führen von hier weg aber sie kehren nie zurück, genauso wie auch ich nie zurückgekehrt bin.

Aber als ich das hier damals alles verlassen habe, habe ich mein Herz mitgenommen. Und es irgendwo auf dem Weg verloren. Nun bin ich zurück ohne mich geborgen zu fühlen.

Home is where your heart is
und meins ist irgendwie nicht hier. Nicht an dem Ort, an dem ich es lassen wollte um einen Grund zu haben, zurück zu kommen.

Ich schaue mich um und versuche zu erkennen, warum mir das, was mir vertraut und geliebt vorkommen sollte, so fremd erscheint. Überall sehe ich Menschen, die ich kennen und lieben sollte, aber nichts davon ist der Fall. Ich sehe ihnen zu wie sie ihr Leben leben und fühle mich zwischen ihnen trotzdem allein. Ich habe sie um mich herum und bin trotzdem nicht glücklich. Ich vermisse die Freunde, die ich in den letzten Jahren kennen und lieben gelernt habe. Freunde, die mich begleitet haben und mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin. Diese fehlen nun und ich bin zurück um hier alte Freunde wieder neu zu finden. Ich lerne sie wieder kennen. Und zwar auf eine andere Weise, als ich sie damals kennengelernt und gemocht habe. Und komischerweise es tut gut. Das erneute Kennenlernen vermittelt das Gefühl von Wärme und ich sehe Dinge in einem Licht, an welches ich nie zu glauben gewagt habe.

Ich lerne Menschen kennen, dich seit Ewigkeiten kenne, aber sie nie wirklich wahrgenommen habe. Und ich mag sie. Und das ist ein großartiges Gefühl.

Andere, die ich damals gebraucht habe und die mir Geborgenheit geschenkt haben, haben sich verändert. Auch ich habe mich verändert. Aber in eine andere, falsche Richtung. Oder ist es andersherum? Ist es so, dass hier alles falsch gelaufen ist und ich alles richtig gemacht habe? Während mir die Schneeflocken ins Gesicht peitschen, merke ich, dass beide Sichtweisen durchaus ihren Funken Wahrheit beinhalten müssen. Es ist eben alles anders geblieben und jeder hat seinen Weg gewählt. Auch ich habe meinen gewählt und muss nun feststellen, dass ich mein Ziel aber noch lange nicht erreicht habe.

Langsam bin ich auf dem Rückweg meines Spaziergangs und es schneit immernoch. Ich weiß schon gar nicht mehr, warum ich das Haus überhaupt verlassen habe. Aber es war richtig. Ich glaube alles war richtig. Alles was geschehen ist und wie ich bis hierher gekommen bin. Jeder geht seinen Weg und das hier ist meiner. Als ich vor meiner Haustür ankomme, merke ich, dass ich etwas hinterlassen habe.

Fußabdrücke, die nicht mehr nur von hier weg führen. Ich hinterlasse Abdrücke, die nach Hause führen. In das Hier und Jetzt.

Home is where your heart is und meins ist wieder da wo es hingehört.

Hier.

11 Responses to “Abdrücke”

  1. bastih Says:

    Absolut großartig.

  2. frpeia Says:

    Home is where your heart is und meins ist wieder da wo es hingehört.

    fein! ich warte noch auf die erkenntnis. seit äh vielen vielen jahren. ich mag den text sehr! :)

  3. me. Says:

    das ist ein schoenes bild, diese fussstapfen im schnee und die gedanken, in die kalte luft gehaucht.

  4. Smikey Says:

    @frpeia
    Ich warte auch noch darauf. Ich hab nur in der Geschichte schon weiter gedacht, als ich eigentlich bin.

    @all
    Danke :)

  5. pulsiv Says:

    ein wirklich wunderbarer text. danke dass wir ihn hören durften. ;)

  6. frpeia Says:

    zja, ich schätze, wir sollen weniger warten als handeln. aber das ist aus der perspektive derjenigen, die mit diesem gefühl nicht zu kämpfen haben, immer leicht gesagt…

  7. Maik Says:

    …und ich kam zu spät und habe Deine Lesung verpasst.

    Toll, dass Du diese Geschichte veröffentlicht hast.

  8. cuentacuentos Says:

    Schnee hat was… weil er alles verwandelt und sicher auch, weil man Spuren darin hinterlässt. Ein starkes Bild also.

    Ich habe Dich nicht darum beneidet, dass Du als Erster lesen durftest. Das ist nicht leicht, und Du hast das prima gemacht. Oder vielleicht habe ich Dich doch ein bisschen beneidet, weil Du es als Erster hinter Dir hattest, und Dich dann sicher besser auf die anderen Texte konzentrieren konntest als ich. Eine gute Idee also, den Text (auch für diejenigen, die ihn gehört hatten) hier noch mal zu bloggen. Er hat es verdient. Danke.

  9. wieviel werkzeug braucht der mensch? ;) » Blog Archive » zuhause [autoscooter] Says:

    [...] [inspiriert durch smikey] [...]

  10. Susi-q Says:

    Einfach toll geschrieben…<3

  11. Dominus Says:

    Hey Smikey… wenn ich das hier so lese, bereue ich es noch mehr nicht bei der Lesung gewesen zu sein. Fantastischer Text und wunderbare Bilder…

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