Kapitel 1 – Joshua

Filed under: Aus eigener Feder,Gedankenwelt — Smikey @ 11:08

06.45 Uhr. Der Wecker klingelt und ich schlage ihn mit einer eleganten Handbewegung in Richtung
Wand. Ein neuer grandioser Tag in meinem Leben beginnt also exakt jetzt. Ungefähr so grandios
wie die anderen in diesem Jahr und ungefähr so grandios wie Schneeregen beim ersten Date.
Dates. Mein letztes erstes Date liegt jetzt genau 237 Tage zurück und ich könnte mich selbst dafür
ohrfeigen, dass ich immernoch mitzähle. Sie hiess Julia und war eigentlich ganz in Ordnung. Gott,
oder wer auch immer, hatte gute Arbeit geleistet nur was entscheidendes vergessen. Das Gehirn.
Sobald sie mehr als 5 Wörter in eine angemessene Reihenfolge bringen wollte, kam nicht viel bei
rum. Dafür war sie gut im Bett. Zu einem zweiten Date kam es aber trotzdem nicht. Sie hat es nicht
verstanden.

Der Wecker hatte trotz hartem Aufprall nicht aufgehört sein Kreischen zu verbreiten, also stehe ich
auf. Ich stolpere über die Überbleibsel der letzten Nacht und eine leere Flasche Rum rollt unter das
Bett. Ich quäle mich ins Bad und schaue in den Spiegel. „Redest du mit mir“ sage ich leise und
muss traurig lächeln, weil ich mich selbst dabei bemitleide. Das Frühstück lasse ich heute einmal
mehr aus, da in meinem Kühlschrank sowieso gähnende Leere herrscht und auch mein Magen nicht
in dem Zustand ist, in dem er feste Nahrung aufnehmen will.

Alles in allem also ein ganz normaler Morgen im Leben des Joshua Gutenberg. Joshua Gutenberg,
so heisse ich. Nicht besonders spektakulär, aber dennoch irgendwie einzigartig. Joshua, ein
biblischer Name und das obwohl ich seit meinem 14. Geburtstag streng atheistisch lebe. Mit
Überzeugung und ohne den Willen, mich davon jemals wieder abbringen zu lassen. Eine weitere
glückliche Fügung des Schicksals hat mich als Redakteur in eine kleine Lokalzeitung gebracht, wo
ich versuche, meinem Nachnamen alle Ehre zu machen.

Ich bewege mich langsam und so geschmeidig wie ich an diesem Morgen nur sein kann durch die
Wohnung und versuche meine Hose von gestern Abend zu finden. Mit meinem Schlüssel drin.
Sonst endet der Tag noch schlimmer als er bisher begonnen hat. Nicht nur einmal ist mir genau das
passiert. Und wieder muss ich dann zu meiner Ex-Freundin laufen, die immernoch einen Schlüssel
für meine Wohnung hat. Seit sie mir das erste Mal das Geld für den Schlüsseldienst ersparte, habe
ich auch in nächster Zeit nicht vor, ihr diesen wieder abzunehmen. Scheiss auf den Gedanken mit
ihr endlich abzuschliessen und sie endgültig aus meinem Leben zu verbannen. Da muss man auch
mal Egoist sein. Ex-Freundin gegen den geldgeilen Feind, den Schlüsseldienst. Sollte ich mir als
Buchtitel sichern lassen. Klingt interessant und nach “mehr”.

In dem Moment schlägt die Tür hinter mir zu. Vorsätzlich, denn den Schlüssel halte ich in der Hand.
Die Hose, gefunden im Gelben Sack in der Küche, hat ihn herausgegeben. Scheint so, als hätte ich
das wieder einmal verwechselt und ich freue mich darauf, heute Abend den stinkenden Plastikmüll
im Wäschekorb zu finden.

Prima. Hast du das auch wieder einmal geschafft, Josh.